Momentan ist ja das Thema Nummer 1 Fussball - genauer gesagt die Fussball Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Dazu möchte ich hier natürlich auch die Meinung äussern.
Ob man will oder nicht, wenn man aktuell sein Leben nicht auf einer abgelegenen Alp - ohne jeglichen Kontakt zur Gesellschaft - fristet, kommt man gar nicht drum rum, nicht mit dem Thema WM 2006 überhäuft zu werden.
Früh morgens fängt es schon an. Die Titelseite der "20-Minuten" ist mit einem Bild zum Thema WM (wie seit Wochen) geziert. Das eine neue Bundesrätin gewählt wurde oder in Asien gerade 5000 Leute gestorben sind, mutiert zur Nebensache. In der 9 Uhr Pause sind natürlich die gestrigen drei Spiele - von welchen die meisten Arbeitskollegen möglichst viel mitbekommen wollten, selbst wenn einige dafür den Wecker um 5:30 klingeln lassen mussten - das interessanteste und oft auch einzige Thema über was man sich unterhält. Als seichte Hintergrundunterhaltung läuft DRS 3, mein "Lieblingsradio", welches zu meiner "Freude" immer die aktuellsten WM News ins Programm einflechten lässt; das Spielen der Lieblings-Hits der Nati-Spieler , das Diskutieren über den aktuellen WM-Song von "Baschi" oder sogar ein Beitrag über den Zauber, welchen die Voodoo-Priester Togos einsetzen wollen, um das Blatt zu ihrem Vorteil zu wenden.
Um 12 Uhr geht es in den Mittag. Möglichst weit weg vom Arbeitsplatz (um mit gleich gesinnten dem Thema WM 2006 zu entkommen). Natürlich schlägt der Hunger ein und man möchte sich deshalb etwas zum Essen besorgen und schon wieder wird man wieder von der WM eingeholt; ein Restaurant wirbt mit der WM-Aktionen "wenn die Schweiz morgen gewinnt, gibt es ein Schni-Po für 10 Stutz" oder im Supermarkt hat jedes erdenkliche Produkt seinen eigenen WM-Wettbewerb oder WM-Tippspiel.
Nach einer halben Stunde am See beginnt der Nachmittag. Neben der Arbeit werden die letzten Tipps fürs WM-Tippspiel, welches Arbeitskollegen programmiert haben aktualisiert. Um 3 Uhr verschwinden dann die Frühaufsteher zum nahe gelegenen Italiener, um sich das das Spiel anzusehen. Endlich ein bisschen Ruhe; Radio ausstellen, Internet-Radio einschalten. Garantiert keine WM-News und Hintergrundinfos für die nächsten 3 Stunden .
Doch die Abstinenz bleibt nicht lange bestehen: Spätestens im Bus hört man Leute welche sich über die Weltmeisterschaft unterhalten oder man hat erneut das Vergnügen sich ins Einkaufsgetümmel zu stürzen, in welchem die WM fleissig als PR Mittel genutzt wird. Zuhause angekommen besteht die hoher Wahrscheinlichkeit das der WG-Kollege sich eingehend mit dem Thema Fussball an der Glotze "auseinandersetzt"; die Nachrichten bestehen zur Hälfte aus Infos zum Thema WM, jede Werbung zeigt praktisch nur Werbungen zum in dem die WM thematisiert wird oder eine der vielen WM Spezialsendungen werden ausgestrahlt. Das nicht gerade noch die "Simpsons" Ferien an der Fussball WM in Deutschland machen, oder "Rees" aus "Malcom mitten drin" ein Ticket an die WM gewinnt, erstaunt mich wirklich.
Gut weg von der glotze ab ins Internet surfen. Auch hier kann man überall Preise zur WM gewinnen sich Tickets ersteigern oder ähnliches. Vielleicht wird man auch noch durch ein Telefon unterbrochen und man bekommt erzählt wie schön es im „WM Zelt“ war oder was für ein "Fäscht" dass es in der lokalen Dorf-Bar gab als das tägliche Spiel lief. Falls ein beliebtes Team gewinnt darf man ein "unterhaltsames" Hup-Theater erwarten. Ja, ich bin mir sicher es muss sogar Leute geben, welche sich aufs Thema WM einen herunterholen oder ziemlich feucht davon träumen. Immerhin diese beiden zu letzt genannten Punkte kann ich mit gutem Gewissen bei mir definitiv ausschliessen .
Es kann sein das der eine oder andere die genannten Beispiele eines Tagesablaufs für utopisch oder ein bisschen überzeichnet hält, aber das habe ich durchaus mehrmals schon erlebt. Ich gebe es ja zu, mich kann Sport an der Glotze definitiv nicht vom Sockel hauen. Auch war ich nie im FC. Ich habe während der Schulzeit ein paar Mal an „Grümpel-Turnieren“ oder in der Schule das oft gewünschte Fussball gespielt. Sonst habe ich mit dem Thema Fussball nichts am Hut. Meine Begeisterung darüber kann man durchaus dem aus dem geschilderten Tagesablauf interpretieren .
Die WM ist grundsätzlich sicher keine schlechte Sache: Teams aus der ganzen Welt, bestreiten einen sportlichen und möglichst fairen Wettkampf gegeneinander. Für einmal spielt das Geld welches einer Mannschaft zur Verfügung steht, nicht zwingend die entscheidende Rolle. Die Fans feiern frenetisch wo sie nur können. Kurz und bündig: Friede, Freude - WM. Jedoch gibt es ein paar Aspekte welche mir durchaus aufgefallen sind und ich mal als kritische Gedanken in die Runde werfen möchte:
Das regelrechte „Bombardement“ mit Informationen manipuliert unumstritten das Denken der Leute. Ohne dies explizit zu wollen, habe ich beispielsweise in diesem Artikel schon 24 Mal das Wort WM oder Weltmeisterschaft gebraucht – und ich mag dieses Thema, wie der Leser mittlerweile gemerkt haben sollte, nicht mal besonders gut. Man wird so stark mit dem Thema konfrontiert, dass das Unterbewusstsein nicht die Möglichkeit hat, das Thema in nicht aufzunehmen. Dies wird natürlich geschickt von kommerziellen Interessen ausgenutzt. Wie erwähnt welches Produkt gibt es nicht als WM-Edition oder mit WM-Wettbewerb.
Wenn ein Thema so stark dominiert, bietet sich das natürlich auch gerade zu an, Handlungen zu vollziehen/begehen, welche sonst ein viel negativeres Medieninteresse und vor allem viel mehr Beachtung mit sich ziehen würden. Ist es nicht praktisch gerade zu dieser Zeit z.B. grössere Entlassungen von Arbeitern vorzunehmen, Leistungen von Versicherungen zu kürzen oder Ähnliches? Eigentlich lässt sich die Fussball WM nahezu für alles brauchen, was überschattet werden soll. Oh da scheint jemand ein wenig extrem zu denken meinen sie lieber Leser? Ein paar Blicke auf http://anti-wm.blog.com sollten ihnen jedoch ein paar Anhaltspunkte bieten. Klar, die Seite ist öfter mal eher reisserisch, aber vollständig abgebildete Zeitungsartikel lassen sich nur schwer missbrauchen, wenn man sie objektiv betrachtet.
Kaum ist die WM Hauptthema Nummer eins, scheinen auch jegliche Bedenken welche aus Datenschützer-Sicht angebracht wären, absolut keine Rolle mehr zu spielen. Im Gegensatz zum VIP-WM-Besucher, mussten sich die meisten Leute mit Namen und Adressen registrieren, um überhaupt eine Chance auf ein WM-Ticket zu erhalten. Die Adressen werden natürlich praktischerweise auch, wirklich ein guter Deckmantel durch das andauernde ebenfalls riesige Medieninteresse zur Fandung nach Terroristen genutzt. Da nimmt der Datenschutz keine entscheidende Rolle mehr ein. Auch dies bestätigen Berichte aus den Medien. Ist doch enorm praktisch die WM: Eine gigantische Identitäts-Sammel-Aktion und das bestätigen der immer deutlicher werdenden zwei Klassen-Gesellschaft in einem (als Beispielt dient die Sache mit den VIP-Tickets).
Durch die WM wird natürlich auch der Nationalismus sehr stark gefördert. Überall wird die eigene oder fremde – für die „Individualisten unter den WM-Fans – Landesflaggen auf jedem nur erdenklichen Artikel oder Kleidungsstück präsentiert. Im „H&M“ gibt es beispielsweise 2 Teile für Kinder ab 12 mit Schweizer-Kreuz für 15 Franken.
Ich finde es ja gut wenn man an den eigenen Staat glaubt und Freude über die eigene Nationalität hat – nicht nur Deutschland hätte ein wenig mehr Glauben an eine gesicherte Zukunft bitter nötig – jedoch finde ich es bedenklich wie extrem sich Leute dann aber oft auch mit der eigenen Nationalität identifizieren. Meiner Meinung nach manipuliert auch dies. Im Guten, wie im schlechten. Aber es ist unbestritten das von einem extremen Nationalismus der Weg zum Rechtsextremismus nicht mehr sehr weit entfernt ist. Wie oft hört man denn im Zusammenhang mit der WM über ein anderes Team – natürlich nur spassig gemeint – einen rassischen Spruch? Diese Witze sind werden natürlich nur selten mit wirklich mit negativen Absichten in die Runde geworfen, aber genau so fängt es doch an.
Die Liste könnte beliebig weiter fortgesetzt werden. Beispiele zu finden ist beim aktuellen Medieninteresse an der WM wirklich nicht schwer. Dies ist jedoch nicht der Sinn und Zweck dieses Beitrages.
Ich hoffe das ich nicht falsch verstanden werde: Ich viel niemandem eine „gute“ Sache vermiesen, jedoch finde ich die Euphorie und das Interesse an diesem Wettkampf (auf allen Ebenen) für völlig übertrieben. Freude zu haben ist schön, aber alle Dinge, wenn sie zu extrem sind, führen auch zu Nachteilen. Meine Einstellung grundsätzlich ist absolut das Motto „leben und leben lassen“ und ich missgönne auch niemandem die Freude an einem spannenden „Match“. Aber ich denke man sollte sich nicht blind mitreissen lassen und einen Fussball-Wettkampf über alles Andere stellen, was doch sonst auch beachtet wird und alles andere in den Hintergrund stellen.